TTSA - Kapitel IV

Der Unfall

Seit einer halben Stunde saßen Kate und ich im Wagen und hatten kein einziges Wort miteinander gesprochen. Energisch kratze sie an ihrem Nagelbett herum – ein Anzeichen dafür, dass sie unter Hochspannung stand. Vermutlich war ihr die Situation genauso unangenehm wie mir. Keiner von uns beiden war scharf darauf, die nächsten Stunden mit seinem Ex-Partner in einer Schrottkarre ohne Heizung und Radio, zu verbringen. Ich hatte für den heutigen Abend andere Pläne. Sie offensichtlich auch. Und trotzdem, so sehr ich mich über sie ärgerte, konnte ich Kate nicht sich selbst überlassen – noch nicht.

„Kate, hör auf damit! Du reibst dir nur die Finger blutig!“, sagte ich gepresst. „Kann dir doch egal sein,“ war ihr lahme Antwort ohne mit dem kratzen aufzuhören.Das war nicht mehr meine Kate. Früher hätte sie mir mit bissigen Unterton zu verstehen gegeben, dass ich mich aus ihrem Leben rauszuhalten habe (obwohl ich ein maßgeblicher Teil davon war) und sie partout keinen Babysitter brauchte, der jeden ihrer Schritte überwachte. Im besten Fall hätte sie mich dabei sogar angeschrien. Aber die Frau neben mir, war nun eine gänzlich andere. Eine Fremde, die ihren eigenen Krieg verloren hatte.Sie hatte Recht. Es konnte mir egal sein. Wir hatten vor Monaten miteinander Schluss gemacht und lebten seither getrennt voneinander. Ich als Geschichtstutor an einer Universität und Kate als Patientin einer Nervenheilanstalt. Trotzdem bin ich ohne zu zögern ins Auto gestiegen als ich hörte, dass sie von der Klinik abgehauen und zu ihrem Elternhaus nach Sacramento geflohen ist. Es schneite – und seit ich Frisco verlassen hatte um Kate zu holen, verwandelte sich der stechende Sprühregen zu dicken Schneeflocken die bereits die Straßenbahn mit einer weißen Schicht bedeckte. Wage erinnerte ich mich an die Wettervorhersage im Fernsehen, die von heftigen Sturmböen aus dem Nord Pazifik warnten. Angestrengt versuchte ich mich an die Sturmwarnung zu erinnern, suchte nach einem Anhaltspunkt für dieses ungewöhnliche Naturschauspiel bis Kate mich aus meiner Überlegung riss.„Dich hat Zack geschickt, oder?“Gegen jegliche Vernunft beschleunigte ich die Fahrgeschwindigkeit um nicht länger als Nötig in dieser unangenehmen Situation festzusitzen.„Ja, hat er.“ sagte ich schließlich und riskierte einen Blick in ihre Richtung. Ihre langen, dunkelbraunen Haare hangen ihr strähnig ins Gesicht. Sie sah leichenblass aus und ihre ausdruckslosen Augen starrten auf ihre geröteten Hände.Mit einem kurzen „Hmm…Dachte ich mir“ quittierte sie meine Antwort und verstummte wieder. Nun waren ihre Nägel blutig.„Himmel Kate! Hör doch endlich auf damit!“, zischte ich sie an. Sie schien es zu ignorieren.„Weißt du,“ begann sie plötzlich „ich träume in letzter Zeit sehr viel von dir. Eigentlich, von uns...“Bevor ich ihr wiedersprach um ihr mit Nachdruck zu erklären, dass es weder hier noch in ihren Träumen je wieder ein UNS geben würde, hielt ich es für das Beste, den Mund zu halten und sie reden zu lassen. Mein einziger Gedanke war schnell nach Hause „Du saßt mit dem Rücken zu mir auf einen Stuhl. Dein Kopf hang leblos zur Seite, du rührtest dich nicht…“Als sie zu erzählen begann, druckte ich meinen Fuß fester ins Gaspedal.„Immer wenn ich versuchte dich von vorne anzusehen, drehte sich dein Stuhl von mir weg. Es war, als säßest du auf einem Karussell und es war mir nicht erlaubt, dich auch nur eine Sekunde lang anzusehen…“Die Straßenlichter rauschten zu schnell an uns vorbei, es war mir egal. Ich wollte plötzlich nur nach Hause.„Irgendwann gab ich auf und bemerke, dass deine Kleidung vollkommen durchnässt war. Wasser perlte von deinem totengleichen Körper. Unter dir bildete sich eine Pfütze, in der du dann verschwandst. Ich sah nur zu. Ich konnte dir nicht helfen.“Kate hielt kurz inne und starrte mich von der Seite aus an. Ich dagegen versuchte sie zu ignorieren und blickte stur auf die glatte Fahrbahn. Meine zittrigen Hände krampften sich um das Lenkrad. Kate nährte mit ihrer schaurigen Erzählungen meine tiefste Angst des Ertrinkens und stärkte zugleich eine Dunkle Macht in mir, die sich nun unbarmherzig an die Oberfläche drängen wollte. Der darauffolgende Satz sollte das Letzte sein, dass ich von ihr hören würde.„Du wirst ertrinken, Tony,“ sagte sie so sachlich, dass es mir die Nackenhaare aufstellte. Danach konnte ich aufsteigende Panik nicht mehr ignorieren. Sie überrollte mich. Dann kam das Nichts und bedeckte uns mit einer eisernen Schneedecke.

 © Lana Davis


11.8.14 22:31

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