TTSA - Kapitel III

Verbannung

Grelle Sonnenstrahlen erhellten das moderne Bürozimmer von Zack Bane, dem ranghöchsten Empathen Kaliforniens. Hier wartete Tony wie ein Angeklagter auf das Urteil des Richters, der seit einer geraumen Zeit vor einem der raumhohen Fenster stand und offensichtlich lieber den idyllischen Ausblick seines Anwesens genoss, als Tony auch nur eines Blickes zu würdigen. Eisiges Schweigen breitete sich zwischen den beiden aus.

Tony vergrub sein Gesicht in die Handflächen und wartete auf das einzig mögliche Urteil, das Zack über ihnen fällen konnte.

Verbannung

Selbst wenn er sich nicht mehr an das Geschehene der vergangenen Nacht erinnerte, war Tony eine Gefahr für seine gesamte Empathenfamilie geworden. Er musste weg. Und zwar schleunigst!

Verbannung hieß sein Zuhause zu verlassen, seine Freunde, seine Familie und sein bisheriges Leben aufzugeben.

Mit dieser Befürchtung, verdüsterten sich seine Gedanken.

Im Grunde könnte er gleich allen einen Gefallen tun und sich selbst aus dieser trostlosen Situation befreien – wenn ihm seine unausgesprochene Macht nicht zuvor kam.

Der Tod schien ihm plötzlich attraktiver denn je.

„Denk nicht einmal daran….“ War die plötzliche Antwort von Zack auf Tonys dunklen Gedanken. Er hatte sich nun vom Ausblick seines Anwesens abgewandt und sah Tony warnend an.

„DENK NICHT MAL EINE SEKUNDE DARAN, ANTON!“, mahnte er ihn abermals und schlug wütend auf die Holzoberfläche seines Schreibtisches.

Tony wagte nicht zu antworten, sah ihn nur überrascht an. Konnte Zack neuerdings auch Gedankenlesen?

Als ob er Tony ein zweites Mal verstand, setzte er sich nur kopfschüttelnd vor seinem Schreibtisch hin. „Keine Sorge, deine Aura hat dich verraten,“ diesmal klang seine Stimme versöhnlich und  besorgt. Verlegen wandte Tony den Kopf zur Seite, er ertrug Zacks mitleidigen Blick nicht.

 „Wie geht es Mike?“, fragte er dagegen mit trockener Kehle. Ein unsinnige Versuch, das Thema zu wechseln.
„Den Umständen entsprechend. Kayleigh ist bei ihm im Krankenhaus und wartet darauf, dass er aufwacht.“ Zack beugte sich nach vorne und sah Tony eindringlich in die Augen.

„Anton, hast du eine Ahnung davon wie es dazu gekommen ist, dass Mike vollkommen Energieleer in der Kammer lag?“

„Nein.“
„Hast du irgendeine Erinnerung an die gestrige Nacht?“

„Nein.“

Zack machte eine Pause, sprach dann aber weiter „Hattest du einen Anfall?“

„Ja…“

„Wie schlimm war er?“

Tony schluckte. Es existierte kein Maßstab für seine Anfälle. Das Dröhnen in seinem Kopf war schlicht übermächtig und brachte ihn jedes Mal beinahe um den Verstand. Als er nicht fähig war zu antworten, fragte Zack weiter.

„War es so schlimm wie damals?“

Damals, hallte es in Tonys Kopf wieder. Er schwieg und ignorierte die Bilder die sich augenblicklich in sein Bewusstsein zu drängen versuchten. Diesen Abgrund glaubte er längst verlassen zu haben – vergeblich, wenn er daran dachte, weshalb er in Zacks Büro saß.

„Anton! Wie soll ich dir helfen wenn du nicht mit mir redest?“

„Du kannst mir nicht helfen… Niemand kann das,“ stelle Tony resigniert fest und starrte auf die Bilder an der Wand. Darauf fand er Zacks 6-Jährige Tochter Zoe und seine verstorbene Frau Anna. Auf einem anderen Bild entdeckte er einen schlaksigen Jungen mit struppigen, braunen Haar. Er lachte herzlich in die Kamera, ohne von der dunklen Bedrohung zu ahnen, die ihn in Naher Zukunft bevorstehen würde.

Vor knapp 15 Jahren, wo Tony als Teenager beinahe in den Fluten des Meeres ertrunken wäre, nahm sich Zack seiner an. Tonys Eltern, die aus Mitteleuropa stammten, waren mit dem Unfall und der darauffolgende Veränderung ihres Sohnes überfordert gewesen. Deshalb gaben sie ihm in die Obhut des aufstrebenden Empathen. Der gerademal 30-Jährige Zack hatte einen besonders guten Draht zu dem jungen Empathen und es schien ihm als Einzigen möglich zu sein, dem Teenager auf sein künftiges Dasein vorzubereiten. Umso vergeblicher versuchte er nun Tony zu retten.

„Ich lasse nicht zu, dass du zu den Vergessenen gehörst, die es nicht geschafft haben…“

Tony antworte nicht, stattdessen starrte er weiterhin angespannt auf das Bild des schlaksigen Jungen, der er einst war.

„…obwohl ich keine Idee habe, was ich das anstellen soll.“

Sag doch einfach, dass du mich aus unserem Kreis verbannst, weil du dich um die Sicherheit der anderen Empathen sorgst. Sag, ich gehöre nicht mehr dazu, und müsse verschwinden. Bitte Zack, sag es! Verbannung!

„Ich denke,…“ hellhörig sah Tony wieder zu dem blonden Mann, der nun sein Urteil über Tonys Schicksal aussprechen würde.

„Ich denke es ist am besten….“ Tony hielt den Atem an und beobachtete, wie jede Silbe Zacks verkniffenen Mund verließ.

„Ich denke, es ist am besten, wenn du derzeit größere Zusammentreffen meidest. Und vor allem, lass die Finger vom Alkohol. Der raubt dir den Verstand.“

Ungläubig sah ihn Tony an. „Ist das dein ernst, Zack? Ist das wirklich dein ernst?“

„Natürlich“, antworte dieser trocken.

„Das kann nicht wahr sein!“, schnaubte Tony wütend, der sich um sein Urteil betrogen fühlte. Er hätte dankbar und erleichtert sein sollen, stattdessen sah er aber, wie sich sein Elend weiter in die Länge zog. Das unausweichliche hinauszog, bis er jemanden unschuldiges mitriss. „Du bist verrückt, Zack! Verrückt! Willst du, dass es zum äußersten kommt und jemand umkommt? Ist dir das, was mit Mike passiert ist nicht Beweis genug? Himmel noch mal, ich bin gefährlich!“

„Das ist noch nicht bewiesen, Anton. Ich würde vorschlagen, du gehst nachhause. Ich melde mich bei dir.“

 

© Lana Davis

31.7.14 17:22

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