TTSA - Kapitel I

Begegnung mit dem Tod

Das Rauschen des Meeres lockte ihm an den goldenen Strand und mit einem tiefen Atemzug sog er die salzige Seeluft ein. Ruhig ging er auf das azurblaue Meer zu, befreite seine Füße von dem sandigen Untergrund und tauchte sie in das kühle Nass. Sanft schlugen die Wellen des Meeres gegen seine Beine und ermutigten ihn weiterzugehen. Als Tony bis zu den Hüften im Wasser stand, ließ er seine Finger spielerisch an der Wasseroberfläche gleiten bis er in seiner Bewegung inne hielt. Was tat er hier eigentlich? Seit seinem zwölften Lebensjahr hatte er das Meer gemieden. Damals, wo er beinahe ertrunken wäre. Plötzlich packte ihm nackte Angst als sich die Erinnerung packte. Sie schnürte ihm den Atem zu, als er sich wieder an seine aufsteigende Panik erinnerte, die ihm überrollte als er vergebens versuchte seinen jungenhaften Körper an der Meeresoberfläche zu halten. Bis zur Erschöpfung ruderte er mit seinen schlaksigen Armen und schrie dabei verzweifelt um Hilfe. Doch mit jedem Versuch am Leben zu bleiben, neigte sich seine Kraft immer schneller dem Ende. Erbarmungslos schlug ihm die Gischt ins Gesicht, peitschte ihm aus dem Leben und füllte seine Lungen mit Wasser. Ein unheilvolles Donnern verkündete ihm, dass es bald vorbei sei, und er sich nicht mehr an die kürze seiner Existenz klammern müsse. Es hatte keinen Sinn mehr, den Tod länger hinauszögern, denn er würde kommen und ihn holen. Tony würde sterben. Er ergab sich und sank wie ein Stein in die Tiefe des Meeres die ihm mit vollkommener Schwärze einhüllte.

„Tony?“ Eine Frauenstimme rief nach ihm. Vielleicht seine Mutter, die seinen Tod ebenso wenig akzeptieren wollte wie er.
„Tony? Alles in Ordnung?“ wieder diese Stimme die nun von hektischen Klopfen begleitet wurde. Nein, die Stimme gehörte nicht zu seiner Mutter, sie gehörte zu Jules, seiner besten Freundin.
„Himmel, Tony! Mach die Tür auf!“ Ruckartig wurde er wieder in die Realität katapultiert und fand sich in einem Waschraum wieder. Tony stützte sich mit beiden Armen am Rand des Waschbeckens ab und hielt seinen glühenden Kopf unter den kühlenden Wassersstrahl der aus rostigen Armaturen rann. Als der dröhnende Schmerz in seinen Schläfen etwas nachließ, richtete er sich wieder auf und sah in den Spiegel. Seine blauen Augen funkelten gefährlich und eine tiefe Kerbe oberhalb der Brauen verriet seine Anspannung. Er wirkte müde. Krank. Er hatte immer noch pochende Kopfschmerzen und der Ruf des Meeres hallte unverkennbar in seinen Ohren wieder, doch er fühlte sich stark genug sich von der Party seiner Freunde zu stehlen um keine Gefahr für sich oder für andere zu sein. Er musste verschwinden, ehe er die Kontrolle verlor. Er war eine tickende Zeitbombe oder besser gesagt, ein Empath - dem es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelungen war, sein Element beim Namen zu nennen um endlich Herr über seine eigenen Kräfte zu werden.
Er hatte es sich nicht ausgesucht ein Empathen zu sein. Niemand tat das. Doch meistens trifft es empfindsame, gefühlvolle Menschen, die sich nach und nach von Normalsterblichen zu unterscheiden beginnen. Diese Veränderung passiert langsam und schleichend, so dass viele von ihnen den passenden Zeitpunkt versäumten um ihr Element zu benennen. Als Strafe für dieses Versäumnis, werden diese angehenden Empathen von ihrer eigenen Kraft verstümmelt oder gar getötet. Sollte Tony nicht bald sein Element akzeptieren, so würde ihm bald ein ähnliches Schicksal drohen.
Tony zog scharf die Luft ein und reagierte erstmals auf die Rufe seiner Freundin die unaufhörlich auf die geschlossene Türe einklopfte und immer wieder nach ihm rief.
„Es ist alles okay, Jules!“
Alles okay, wiederholte er in Gedanken und stieß sich vom Waschbecken ab. Ruckartig öffnete er die Tür und ein widerlicher Dunst aus Rauch, Schweiß und Alkohol schlug ihm entgegen. Er würgte. Jules sah ihn hinter ihren roten Ponyschopf zweifelnd an, unschlüssig darüber, wie sie ihm helfen sollte. Er trug es ihr nicht nach. Wahrscheinlich wäre er vor seinem eigenen Anblick davongelaufen.
„Tony“, sagte sie vorsichtig, „bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“
Er hatte Mühe eine wegwerfende Handbewegung zu machen und wiederholte seine letzten Worte. „Alles okay…“. Seine Zunge fühlte sich schwer an und strafte ihn lügen.
Raus, raus! Ich muss schleunigst von hier verschwinden!
Ehe er noch länger den mitleidigen Blick von Jules ausgeliefert war, ergriff er die Flucht und wankte wie ein Betrunkener durch die tanzende Menge, rempelte verschwitzte Körper an und stieß sie wieder von sich weg. Der Lärm der Musik wurde immer unerträglicher. Verzweifelt presste er seine Hände auf die Ohrmuscheln. Aber es war nicht die Musik der alten Jukebox die ihm um den Verstand brachte, sondern das aufkeimen des Donners, das seinen Tod verkündete, und sich unerbittlich den Weg an die Oberfläche bannte. Endlich hatte er die enge Stahltreppe erreicht. Seine zittrigen Finger umklammerten das Geländer während er Stufe um Stufe dem Ausgang entgegen stieg. Sein Atmen klang wie ein Röcheln, so als fühlten sich seine Lungen mit Wasser. Wie damals.
Mit aller Mühe schleppte er seinen Körper die Treppe hoch und fokussierte den rettenden Ausgang, der ihm bei jedem Schritt näher kam.
Plötzlich war Tony gezwungen stehen zu bleiben. Jemand stellte sich zwischen ihm und seiner Freiheit – eine Frau, die er zuvor noch nie gesehen hatte.
Das gefährliche Donnern zwischen seinen Schläfen wurde immer lauter, schmerzte in den Ohren, kämpfte sich an die Oberfläche – er musste sich beeilen, er durfte keine Zeit mehr zu verlieren! Weiß Gott was passen würde, sollte er in einer überfüllten Bar die Kontrolle verlieren! Deshalb griff er grob nach der Fremden um sie eilig aus dem Weg zu schieben. Aber als er das tat, schien für eine Sekunde die Zeit stehen zu bleiben. Durch die Berührung reagierte er auf die Empathin und hielt überrascht inne. Tony musterte die Unbekannte, und bemerkte nur am Rande wie das Donnern ebenso stillstand wie dieser Augenblick. Er musterte ihr Gesicht mit unverkennbarer Neugierde. Mandelförmige, graue Augen erwiderten seinen Blick und ein verführerischer purpurroter Mund, formte sich zu einem lasziven Lächeln. Ehe er dem absurden Impuls ihr einen Kuss zu stehlen nachgeben konnte, wurde er wieder in die Realität zurückkatapultiert. Und dann wurde es Schwarz…

© Lana Davis

17.7.14 22:12

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen